Neulich wieder in irgendeinem Fotoforum die Diskussion darüber geführt ab welcher Kameraart man „professionell” Fotos verkaufen kann oder sich noch als „professioneller” Fotograf fühlen darf. Natürlich fing bei einem Diskutanten „professionell” erst ab DSLR und am Besten auch Mittelformat an. Zumindest seiner Meinung nach stand weiterhin die Technik vor dem Foto. Ich blieb bei meiner Meinung, dass ein gutes Foto nur dann entsteht, wenn der Fotograf sehen kann, seine Kunst versteht, die von ihm verwendete Technik beherrscht – vor allem aber sich in der Lage sieht mit seinem Talent das Bild in seinem Kopf wiederzugeben. Die Kamera als Werkzeug und nicht als Maßstab für Kunst.
Dahinter steht natürlich immer die Überlegung für wen fotografiert und in welchem Medium veröffentlicht werden soll. Selbstverständlich wird es immer sinnvoll sein, die Vorzüge von RAW-Bilddateien zu nutzen. Aber sind sie wirklich angebracht in der Pressefotografie, weiß ich längst, dass ich dort Fotos abzuliefern habe, die allenfalls eine Nachbearbeitung in Tonwert und Gradation gestatten und später dann in einer Tageszeitung im Grauwert auf einer Größe von maximal 2x4 cm abgebildet werden? Wenn überhaupt? An der Stelle scheiden sich bereits in der Fotografie die Geister vom Konzept- und Werbe- zum Reportagefotografen. Die Arbeit wird zunehmend nicht alleine hinsichtlich der Kunst und des eigenen Könnens bewertet werden, denn ein umfangreicher Workflow rechnet sich einfach nicht, wird die Arbeit immer schlechter bezahlt. Und hier ist wohl jeder fotografierender Freiberufler sein eigener BWL-Experte.
In unserer Diskussion forderte der Diskutant der teuren Bildproduktion Beispiele „erfolgreicher” Veröffentlichung von Handy-Fotografen, die ich ihm freundlicherweise zukommen ließ und die er mit einem höchst überheblichen „alles klar!” kommentierte. Dumm eben: wer derzeit seine iPhone-Fotos veröffentlicht oder darüber schreibt, liegt im Trend und wird auch verkaufen. Gefühlt erscheint wöchentlich mindestens ein neues Exemplar von Kunstbänden oder technischen Ratgebern, die sich ausschließlich einer neuen Kunstform „Fotografie mit dem iPhone” bedienen. Es mag nicht jedem Fotografen schmecken, und nein, auch ich kann ehrlich keine Instagram-Filter verunreinigte Fotografien mehr sehen. Fakt ist dennoch, die Leute fotografieren mit ihren Handykameras immer besser, immer begeisterter und auch immer hochwertiger, kunstvoller, besser. Und der Profi muss langsam mal umdenken.
Fotografie mit dem Cellphone/Handy ist keine Fotografieform mehr, die man noch so eben vom Tisch wischen kann. Anfang August erschien auf „der Standard.de” eine kritische Auseinandersetzung hinsichtlich der Entwicklung von mobiler Fototechnik mit Sprechfunktion und deren Einfluss auf die Arbeitsweise von professionellen Fotografen. So erklärt der Pressefotograf Heinz Tesarek lapidar „Fotografen können vielleicht den Moment einfangen, nicht jedoch die Zeit aufhalten”, und meint damit den technischen Fortschritt von Handykameras. Arbeiten für die man früher längst Tage in der Dunkelkammer verbracht hat, deren Montage selbst in Photoshop stundenlanges Basteln an Filtern bedeuten, zaubert Hipstamatic als App für knappe 2 Dollar in die Fotografie. Es wundert nicht wirklich, beschreibt die österreichische Agenturchefin Regina Anzenberger eine Auftragsarbeit in dem gleichen Artikel «McDonaldisierung der Pressefotografie»: „Vor kurzem haben wir einen Auftrag für ein renommiertes englisches Magazin mit dem iPhone fotografiert.” Das sitzt, nicht wahr?
Ein Einzelfall? Gehen wir nach Nordafrika. Der Fotograf Benjamin Lowy hat kürzlich für Getty Images vor Ort den Fall von Gaddafi in Libyen fotografiert. Mit einem iPhone und unter der Verwendung von Hipstamatic. Letzteres sehe ich hinsichtlich Reportagefotografie – da bleibe ich bewusst altmodisch – sehr kritisch, denn schon eine farbliche Änderung einer realen Aufnahme hat meines Ermessens in der Reportage nichts verloren. Ich will auch keine Fotos von Leichen in der Pathologie mit hippen Lomo-Filtern „verschönert” sehen. Diese Diskussion ist sicherlich noch eine ganz andere. Dennoch, dieser Job wurde erledigt von einem Cellphone. Und – das mag der springende Punkt sein – er wurde von einer Bildagentur bezahlt! Sehr sicher ermöglicht der Einsatz eines mobilen Telefons dem Fotografen ein unauffälligeres Auftreten in Kriegssituationen, was in einer solchen Situation womöglich über Leben und Tod eines Fotografen entscheiden kann. Wir sollten umdenken. Nein, wir müssen!
Das deutschsprachige Blog iphonography, widmet sich umfassend dem Thema Fotografie mit dem iPhone. Empfehlung.